Seit 1897 gibt es in Dortmund eine öffentliche Stromversorgung. Doch wie hat sich die Elektrifizierung in Deutschland, und speziell auch in unserer Stadt überhaupt entwickelt? Anlässlich des 120. Jubiläums werfen wir einen Blick auf die Historie der Stromversorgung.

Während die Dampfkraft das 19. Jahrhundert beherrscht hatte, setzt die Nutzung der Elektrizität zur Schwelle des 20. Jahrhunderts eine „Zweite industrielle Revolution“ in Gang und veränderte die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen nachhaltig.

 

In Westfalen begann die Elektrifizierung Mitte der 1880er Jahre. Während Maschinen weiter mit Dampf- oder Wasserkraft angetrieben wurden, diente Strom zunächst nur zur Beleuchtung der Zechen und Fabrikanlagen. Die elektrische Beleuchtung war einfacher zu bedienen, lichtstärker und ungefährlicher als die bis dahin übliche Gas- oder Petroleumbeleuchtung.

Die Fassade der Hauptstation 1897.

Strom wird öffentlich

 

Bereits seit 1886 war die öffentliche Stromversorgung Gegenstand intensiver Diskussionen in Dortmund. Aber nicht alle befürworten das Projekt. Stärkster Gegner der Stadt, die sich engagiert für die neue Energie einsetzte, war die „Actien-Gesellschaft für Gasbeleuchtung“. Sie besaß ein auf 50 Jahre festgelegtes Monopol für die öffentliche Straßenbeleuchtung mit Gas und fürchtete die Konkurrenz durch den Strom.

 

Schließlich gab der Bau des Dortmunder Hafens den entscheidenden Impuls. Eine Verlegung weitverzweigter Rohrnetze für Gas und Druckwasser im über 152 Hektar großen Hafengebiet wäre sehr viel teurer gewesen, als die Verlegung eines Kabelnetzes zur Verwendung von Elektrizität für die Licht- und Krafterzeugung. 1896 wurde die Errichtung einer „elektrischen Centralstation“ für die Versorgung des Hafens und der Stadt mit Energie beschlossen.

 

Das Städtische Elektrizitätswerk an der Weißenburger Straße nahm im Dezember 1897 seinen Betrieb auf. Damit wurde Dortmund nach Gevelsberg die zweite Stadt in Westfalen mit einer öffentlichen Stromversorgung. Mit einer Leistung von 2.000 Kilowatt gehörte es zu den größten Kraftwerken des Deutschen Reiches: Und während die westfälischen Elektrizitätsstationen bisher lediglich Gleichstrom erzeugten, wurde in Dortmund von Beginn an auf den leistungsfähigeren Drehstrom gesetzt.

 

Ein Anschluss für alle

 

Sowohl private als auch öffentliche Abnehmer konnten von Anfang an von der elektrischen Versorgung profitieren. Zum Beispiel der Bergbau elektrifizierte die Ventilatoren für die Grubenbewetterung, die Aufbereitungs- und Verladeeinrichtungen, die Wasserhaltung und die Streckenförderung. In der Eisen- und Stahlindustrie wurden bald die Walzen und die Transporteinrichtungen elektrisch angetrieben und Stahl in Elektroöfen erzeugt.

 

Den Weg in die privaten Haushalte fand der Strom als Beleuchtungsquelle. Allerdings war dies selbst für die wohlhabenden Bürger der pure Luxus und wurde nur in den besten Zimmern installiert. Doch die Elektrifizierung schritt in Siebenmeilenstiefeln voran: Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurden bereits alle neu errichteten Häuser mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet. 

Küche mit elektrischer Beleuchtung, elektrischem Kochherd, Haushaltsmaschine und elektrischem Bügeleisen.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beschränkte sich die Anwendung der Elektrizität im Haus allerdings auch weitgehend auf das elektrische Licht. Elektrische Kochplatten, Wasserkessel, Bügeleisen, Staubsauger oder Kaffeemaschinen waren zunächst noch Luxusgüter. Als Alltagshelfer setzten sich die elektrischen Haushaltsgeräte erst allmählich durch. Zur großen Wäsche stand man in den 50erJahren beispielsweise alle vier Wochen im Waschkeller und musste die Wäsche im Kessel „stampfen“ oder Stück für Stück auf dem Waschbrett schrubben. Eine körperlich sehr anstrengende und zeitintensive Aufgabe! Aber auch diese wurde mit der flächendeckenden Elektrifizierung der Haushalte in den 60er Jahren verändert, denn 1951 kam in Deutschland die erste vollautomatische Waschmaschine auf den Markt.

 

Besondere Bedeutung hatte die Elektrizität auch bei der Entwicklung des Freizeit- und Medienbereichs – beispielsweise für das Hören von Musik und Nachrichten durch die Erfindung des Radios. Der Dortmunder Rundfunk deckte von Anfang an ein breites Themenspektrum ab: vom Bücherfunk über Berichte aus Wirtschaft und Industrie bis zur Orgelmusik bot er in den 50erJahren ein breit gefächertes Programm. Dabei gehörten Direktübertragungen, etwa von der Pferderennbahn oder dem Sechstagerennen, sogar zu den Pionierleistungen des Dortmunder Senders.


Noch heute auf der Überholspur

 

Aus unserem heutigen Leben ist Strom nicht mehr wegzudenken: Er ist selbstverständlich. Neben den klassischen Haushaltsgeräten verfügen wir heute nicht nur über Spülmaschinen, Kaffeemaschinen und Tiefkühler, sondern auch über Flatscreen-Fernseher, Smartphones oder Tablet-PCs. Wird es im Sommer zu heiß, sorgen Klimaanlagen für die richtige Temperatur. Elektronik ist heute zu einem Lifestyle-Produkt geworden. Und bei allen Bestrebungen um Energieeffizienz und Ressourcenschonung sieht es zurzeit noch so aus, als würde jeder von uns immer mehr Strom verbrauchen.